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Wildbiologie Bartgeier

Foto: Michael Knollseisen

Der Bartgeier ist eine von zwei Geierarten, welche in Österreich ihre Kreise zieht. Namensgebend für ihn sind die borstigen Federn, die über seinen Schnabel hängen und wie ein Bart ausschauen. Der Bartgeier zählt zwar (noch) nicht zu jenen Vogelarten, welche in Vorarlberg brüten, aber regelmäßige Sichtungen deuten von seinem Vorkommen.

Verbreitung
Bartgeier leben als Gebirgsbewohner in Asien, Afrika und Europa. Das Hauptverbreitungsgebiet erstreckt sich von den Mittelmeerländern bis zur Mongolei und nach Zentral- und Westchina. In Afrika kommt der Bartgeier vor allem in Ost- und Südafrika sowie im äthiopischen Hochland vor. Eine kleine Population lebt in Südwestarabien.
In Europa war der Bartgeier zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Gebirgen Südeuropas und den Alpen noch recht häufig anzutreffen. Heute finden wir ihn in den Pyrenäen, auf Korsika, Kreta und dem Balkan – und seit 1986 auch wieder in den Alpen, wo mit großem Aufwand junge Bartgeier angesiedelt werden.

Biologie
Der Bartgeier sieht nicht wie ein typischer Geier aus und oft wird er mit dem Steinadler verwechselt, der im gleichen Lebensraum vorkommt. Im Flug fällt der lange keilförmige Stoß auf, im Gegensatz zum gerundeten Stoß des Steinadlers.
Männchen und Weibchen unterscheiden sich äußerlich nicht. Die Flügel und der Stoß sind dunkel, der Kopf und die Brust hell-rötlich gefärbt. Ein erwachsener Vogel wiegt zwischen fünf und sieben Kilogramm. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 290 cm ist er der größte Vogel, welcher in Vorarlberg über unsere Köpfe hinweg gleitet. Die Paarung findet im November / Dezember statt, die zwei Eier werden zwischen Dezember und Februar gelegt und ca. 52 Tage ausgebrütet.

Die Jungvögel haben schon nach etwa drei Monaten die Größe eines erwachsenen Vogels erreicht, aber erst mit fünf bis sieben Jahren tragen sie das erwachsene Federkleid. Bartgeier haben eine hohe Lebenserwartung – in Gefangenschaft wurde ein Bartgeier 46 Jahre alt!

Knochenbrecher
Geier sind typische Aasfresser. Und der Bartgeier hat sich sogar noch mehr spezialisiert, denn er ernährt sich zum Großteil von Knochen. Das ist durchaus nicht das Schlechteste, was ein Kadaver zu bieten hat. Ein bleicher Knochen enthält 12% Protein, 16% Fett und ein paar lebenswichtige Mineralstoffe. Die spezielle Vorliebe hat noch einen weiteren Vorzug. Kein anderes Tier macht dem Bartgeier dieses Futter streitig, denn Knochen sind für gewöhnliche Tiermägen unverdaulich. Der Bartgeier hat sich sehr gut an diese Nahrung angepasst – einerseits werden seine aggressiven Magensäfte selbst mit größeren Brocken fertig, andererseits hat er gelernt, zu große Knochen in seinen Fängen in die Lüfte zu tragen und aus einer Höhe von 50 bis 80 Metern gezielt auf einen Felsen fallen zu lassen. Aus diesem Grund wird der Bartgeier auch Knochenbrecher genannt.

Wiederansiedlungsprojekt
Bartgeier waren einmal heimisch im Alpenraum bis der Mensch eine Gefahr in ihm erkannte und ihn ausrottete. Gefährlich werden kann der Bartgeier aber eigentlich niemandem, schon gar nicht uns Menschen – er ernährt sich ja zum Großteil von Knochen. Leider war der Bartgeier zu der Zeit vor allem unter der Bezeichnung Lämmergeier bekannt – und so kommt es nicht von irgendwo her, dass der Mensch Jagd auf ihn machte. Der Name Lämmergeier kommt aber nicht daher, dass der Bartgeier Lämmer reißt, sondern daher, dass er oft in der Nähe von Schafen gesehen wurde. Dies tat er jedoch nicht, um Lämmer zu reißen, sondern um die Nachgeburt der Schafe zu nutzen, da diese sehr nährstoffreich ist. Der Bartgeier wurde also „fälschlicherweise“ im Alpenraum ausgerottet!

Vor gut 30 Jahren wurde das internationale Projekt zur Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen gegründet. Fachleute aus Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz beschlossen, dass junge Bartgeier aus Zoos und Tierparks für die Auswilderung genutzt werden sollen. Eine groß angelegte Öffentlichkeitsarbeit war nötig, um die Bevölkerung über das Projekt zu informieren. Nachdem ein umfassendes Zuchtprogramm in Zoos von ganz Europa aufgebaut worden war, konnten 1986 die ersten Bartgeier in Rauris (Österreich) in die Freiheit entlassen werden. Jährlich werden seither in vier Freilassungs-Regionen junge Bartgeier in Kunsthorsten ausgewildert. Die vier Freilassungsorte – jeweils 200-300 Kilometer voneinander entfernt – liegen überwiegend in Naturschutzgebieten oder Nationalparks. In Österreich finden die Auswilderungen im Nationalpark Hohe Tauern statt.

Monitoring
Vor der Freilassung werden neben Metallringen den Junggeiern einzelne Federn gebleicht, um sie so zu markieren. Diese hellen Federn sind schon aus großer Distanz erkennbar. So können Beobachter auf Grund der Anordnung der gebleichten Federn die jungen Bartgeier individuell erkennen. Diese Markierung fällt jedoch mit der ersten Mauser nach zwei bis drei Jahren weg. Bartgeier im Jugend- und Erwachsenenalter können so nicht mehr individuell erkannt werden.

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Quellen:
Theodor Mebs und Daniel Schmidt. 2006. Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Biologie, Kennzeichen, Bestände. Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. KG, Stuttgart.

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