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Peter Stieger – Jägerschule an der VHS Götzis

Autorin: Heidi Krischke-Blum

Es ist ein kühler, verregneter Juninachmittag, an dem ich mich zu einem sehr interessanten Gespräch mit Peter Stieger, einem sympathischen Enddreißiger, treffe. Er ist als Lehrer über ein gemeinsames Projekt mit dem „Mühletor Feldkirch“ zur VHS gekommen ist. Dort unterrichtet er nun seit über 12 Jahren die TeilnehmerInnen der Hauptschulabschlusskurse in den Fächern Physik, Chemie, Geographie, Biologie, Geschichte, Deutsch, Mathematik – also praktisch alles außer Turnen. „Die HS-Abschlusskurse sind immer wieder spannend. Das darf man sich nicht wie eine Hauptschulklasse im herkömmlichen Sinne vorstellen. Jahr für Jahr ergibt sich eine neue, bunte Mischung. Die TeilnehmerInnen starten mit einem durchschnittlichen Alter von 16 bis 17 Jahren, aber es sind natürlich auch ältere dabei. Die älteste Absolventin war immerhin 54, das ist schon eine tolle Leistung. Das Reizvolle an den Kursen sind sicher die unterschiedlichen Ansprüche an mich als Lehrer. Die TeilnehmerInnen kommen vom Lernansatz her ja aus ganz verschiedenen Schichten”, so Peter Stieger.

Ob es die Spannung war, einmal nicht selbst zu unterrichten, sondern unterrichtet zu werden oder der Reiz einer neuen Erfahrung – in jedem Fall ist der Weg, den Peter Stieger bis zu seiner Jagdprüfung zurückgelegt hat, ein nicht ganz alltäglicher.
Angefangen hat alles auf seiner Baustelle im Zuge des Hausumbaus. Er hat sich nach getaner Arbeit immer noch gerne mit seinem Elektriker unterhalten, so kam man eines Abends auch auf Freizeitbeschäftigungen zu sprechen. Der Elektriker erzählte ihm von seiner Leidenschaft, der Jagd. Eigentlich fand Peter Stieger das Thema nicht wirklich ansprechend, konnte er doch bis dahin nicht einmal ein Stück rohes Fleisch angreifen. Zudem waren ihm die Jäger immer eher suspekt, und als begeisterter Mountainbiker hielt er sie für nicht sehr verständnisvoll.
Wäre da nicht seine Frau gewesen, die meinte: „Schau dir das doch einmal an, das tut dir bestimmt gut.“ Gesagt – getan. Er begleitete den Jäger einige Male und war total begeistert, es war ein völlig neuer Ansatz, den Tieren und dem Wald zu begegnen. „Allerdings hatte ich ziemlich schnell bemerkt, dass ich ein richtiges Bildungsdefizit habe, vor allem in der Jägersprache“, lacht er. Das wollte er so schnell wie möglich ändern und meldete sich kurzerhand bei der VHS Götzis zur Jägerschule an. Der Kurs startete im Oktober und dauerte gut sechs Monate bis zur Prüfung im Mai. „Das war eine prima Zeit. Wir hatten sehr gute Referenten, und ich habe den Lehrstoff regelrecht aufgesaugt. Kern der Ausbildung ist der verantwortungsvolle Umgang mit Flora und Fauna, deshalb legen auch immer mehr „Nichtjäger“ die Prüfung ab. Insgesamt gibt es rund 100 Anmeldungen pro Jahr. Das ist hauptsächlich darum, weil die Erfahrungen über die Natur nirgends so groß sind. In einem sehr praxisnahen Unterricht lernt man die Grundlagen in Wildkunde, Naturschutz, Jagdrecht und jagdlichem Brauchtum. Das war für mich total spannend, seither bin ich noch sensibler im Umgang mit der Natur, und mir wurde bewusst, in was für einem fantastischen Ländle wir leben.“

Es ist jetzt 3 Jahre her, seit Peter Stieger die Jagdprüfung erfolgreich abgelegt hat. Mittlerweile ist er, zusammen mit einem Freund, stolzer Pächter eines eigenen Jagdreviers. „Ich war zu Beginn immer wieder mit verschiedenen Jägern unterwegs und habe davon in hohem Maße profitiert, weil ich dadurch viele neue Ansichten kennengelernt habe. Über die Jagd habe ich zudem sehr interessante Menschen kennengelernt“, so Peter Stieger.
Seit einiger Zeit ist er auch ehrenamtlich an Volks- und Hauptschulen tätig und leistet dort Aufklärungsarbeit zum Thema Wildtierkunde – „als Gegenpart zur Playstation“, wie er sagt.

Dass die Vorgänge in der Natur für Kinder sehr spannend sind, zeigt sich nicht zuletzt an seinen eigenen Kindern. Für die ist es das schönste, wenn der Papa im Wald die Spuren der Tiere lesen kann. „Die Kinder kommen sehr gerne mit ins Revier und sind begeistert dabei. Unser Jüngster will auch Jäger werden und geht sogar mit seinem Jägerhut in den Kindergarten. Er hat sich auch schon ein eigenes Gewehr gebastelt, das steht jetzt neben meinen im Waffenschrank.“
Dabei geht es Peter Stieger in erster Linie um das Naturerlebnis und darum, den Kindern einen sensiblen Umgang mit der Natur beizubringen. Sie sollen Respekt vor den Tieren haben, das ist ihm sehr wichtig. „Der Abschussplan der Bezirkshauptmannschaft muss nun mal erfüllt werden. Diese Tiere müssen wir im Revier erlegen, wobei die Auswahl sehr gezielt erfolgt. Ich kann mich noch gut an das erste, von mir erlegte Wild erinnern. Es war eine unheimlich große Überwindung, den Abzug zu betätigen und hat absolut keine positiven Gefühle bei mir ausgelöst. Aber die Tiere haben hier bei uns keine natürlichen Feinde mehr und die Population wird eben auf diesem Wege geregelt“, erklärt Peter Stieger.

Neben all dem neu Erlernten bei der Jagdprüfung war für ihn auch die Tatsache – „man kann das machen“ – von enormer Bedeutung. „Die Wichtigkeiten im Leben verlagern sich plötzlich, man traut sich wieder was zu und das Selbstbewusstsein steigt. Das ist der absolute Luxus der Erwachsenenbildung: Es passiert freiwillig! Ich muss es nicht machen – ich darf es machen, es interessiert mich und dahinter stehe ich.“
Das hat seine Entscheidung, im kommenden Jahr ein Masterstudium zu beginnen, maßgeblich beeinflusst. Natürlich stand dahinter ein nicht ganz einfacher Entscheidungsprozess, aber er hat sich entschieden und erhält dafür die volle Unterstützung seiner Familie. Er möchte seinen Master in Andragogik (das ist die Wissenschaft, die sich mit dem Verstehen und Gestalten der lebenslangen und lebensbreiten Bildung des Erwachsenen beschäftigt) machen. Darin sieht er auch seine berufliche Zukunft. Sein Interesse gilt dem lebenslangen Lernen und der damit verbundenen beruflichen Anpassung. Ein spannendes Thema, schließlich ist  ein deutscher Autohersteller schon heute der größte Weiterbildungsanbieter in Deutschland.
Und eines ist für Peter Stieger klar – es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn was vorwärts geht!

Quelle: Volkshochschulg´schichten 2010. VHS Götzis

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