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Vorarlberger Jägerschaft (Archiv)

Hubertusansprache – Eberhard von Gemmingen – 2017

 

Hubertusansprache Gemmingen Gamswild

Hubertusansprache von Baron Eberhard von Gemmingen-Hornberg

Stellen Sie sich einmal folgendes vor:
In Österreich bemüht sich eine kleine Minderheit, die Musik von W. A. Mozart zu verbieten. Diese Menschen finden Mozart grässlich. Mozart darf keine Rechte in Österreich haben. Diese Minderheit ist der Ansicht, dass man ohne Mozart besser und vor allem einfacher Geld verdienen kann. Die Minderheit glaubt auch, Mozart würde bei der Verwirklichung vermeintlich wichtiger Ziele derart stören, dass seine Eliminierung unumgänglich sei. Man ist überzeugt, dieser Mozart würde die Entwicklung der Musik in Österreich negativ beeinflussen. Also muss er weg, und zwar möglichst schnell und möglichst gründlich.
Die Minderheit hat nämlich entdeckt, dass bestehende Gesetze hierfür die Möglichkeit bieten. Ohne große Aufmerksamkeit wurden in den vergangenen Jahren Gesetze geschaffen, die ein Verbot von Mozart ganz einfach möglich machen. In vielleicht sogar guter Absicht hat der Gesetzgeber zum Schutz der österreichischen Musik Gesetze erlassen, mit denen man Mozart ausschalten kann.
Die Bevölkerung kennt diese Gesetze nicht und sie merkt nichts von dieser geplanten Kulturzerstörung. Auch die Medien nehmen das alles kaum zur Kenntnis. Dieser Mozart ist einfach zu unwichtig. Er spielt in unserem Alltag praktisch keine Rolle, seinen Verlust würde man sowieso kaum bemerken.

Die Mozart-Gegner setzen Politiker und Behörden unter Druck. Das ist einfach, das Gesetz ist schließlich auf ihrer Seite. Viele Verantwortungsträger lassen sich einschüchtern, es geht ja um ein hohes Ziel, die Rettung der österreichischen Musik. Da muss man dann halt diesen Mozart opfern. Die Politiker und Behörden geben rasch nach und unterstützen die Zerstörung Mozarts, niemand will und kann sich gegen geltendes Recht auflehnen.
Nun gründen die Mozart-Gegner Interessensgemeinschaften. Sie schließen sich in Vereinen und Verbänden zusammen, um ihr Ziel schneller und effektiver zu erreichen. Je früher dieser Mozart abgeschafft ist, desto gründlicher ist ja die österreichische Musik gerettet.

Die Mozart-Gegner finden Erfüllungsgehilfen. In ganz Österreich sind zahlreiche Freiwillige, die dafür sogar Geld bezahlen, unterwegs, um ganz gezielt Partituren und Notenblätter Mozarts zerstören. Das meiste wird verbrannt. Nach Mozart-Aufnahmen auf Tonträgern wird intensiv gefahndet. Was gefunden wird, wird gelöscht.

Die Erfüllungsgehilfen sind mit Eifer und Passion dabei. Sie haben große Freude daran und sind stolz darauf, an der Zerstörung von Mozart aktiv mitwirken zu können. Die Erfüllungsgehilfen sind ernsthaft überzeugt davon, durch die Auslöschung von Mozart einen Beitrag zur Rettung der Musik Österreichs zu leisten.

Nur eine andere kleine Minderheit hat den Ernst der Lage erkannt. Diese Minderheit versucht, sich öffentlich über diese Vorgänge zu empören, aber sie findet kaum Gehör. Man wirft ihr Eigeninteresse vor. Diese andere Minderheit würde sich über Mozart erfreuen, das sei verwerflich.

Eines Tages erreichen die Mozart-Gegner ihr Ziel. Eine öffentliche Aufführung von Mozarts Musik ist nicht mehr möglich. Mozart verschwindet. Die Zauberflöte ist gestorben.
Und keiner empört sich, es gibt ja noch Christina Stürmer und DJ Ötzi.

Gamswild_Hubert Schatz

So – Sie finden jetzt, das klingt absurd?! Dann ersetzen Sie bitte gedanklich das Wort „Mozart“ durch das Wort „Gams“. Zum einfacheren Verständnis können Sie das Wort „Musik“ durch das Wort „Wald“ ersetzen.

Der Gams ist ein Charakter- und Kultur-Tier Österreichs. Er gehört zu Österreich, genauso wie Mozart. Seit einigen Jahren wird aber der Gams auf eine nicht zu verantwortende Art und Weise bejagt, regional geradezu bekämpft. Sicher, quantitativ, rein mengenmäßig, ist der Gams hier bei uns noch nicht gefährdet. Aber dieses Tier lebt in Sozialverbänden, es braucht, um artgerecht leben zu können, bestimmte Alters- und Geschlechtsstrukturen. Diese Strukturen sind durch viel zu intensive Bejagung in Vorarlberg in etlichen Gebieten bereits vollkommen zerstört.

Ein kleines Beispiel: Im Großen Walsertal – nicht bei uns! – wurden in zwei Revieren in den beiden letzten Jahren auf zusammen 1.250 ha 45 Gamsböcke erlegt. Im gleichen Gebiet wurden in dieser Zeit 8 Geißen und 2 Kitze erlegt. Soviel zum Thema Zerstörung von Strukturen. Dabei muss klar festgehalten werden: Alle diese Abschüsse erfolgten vollkommen legal, als sog. Hegeabschuss bzw. Schadwild, alles ist durch das Jagdgesetz gedeckt und der Behörde bekannt. Das Gesetz gibt das her.

Der jetzige Zustand dieser rabiaten Gamsbejagung ist eine kulturelle und moralische Barbarei, ist eines zivilisierten Landes nicht würdig. Es ist so, als wolle man ausgerechnet in Österreich den Mozart abschaffen. Angeblich, um einen Wald zu retten, dem es schon lange nicht mehr so gut ging wie zur Zeit. Die Waldfläche wächst ständig und sie ist heute die größte der letzten 200 Jahre. Der jährliche Holz-Zuwachs pro Hektar Wald war noch nie so hoch wie heute und steigt weiter, die Holzpreise sind ganz gut, die Bäume sind überwiegend gesund und die Anzahl der Baumarten steigt langsam an. Aber manche glauben, oder behaupten zumindest, der Wald sein kurz vor dem Exitus.

Man fragt sich – warum?

Ein Wald hat ja viele Funktionen. Er liefert wertvolles Holz, er reinigt die Luft und stabilisiert das Klima. Er dient der Erholung und er schützt Objekte. Alle diese Funktionen müssen uns wichtig sein. Der Wald ist aber auch ganz einfach ein Ökosystem, eine Gesamtheit, eine Einheit als Lebensraum.

Nun hat aber der Mensch vor einigen Jahrzehnten – ganz souverän und genauso kurzsichtig – den Wald in Bäume und Tiere aufgeteilt. Diese menschliche Einteilung des Waldes in Bäume und Tiere ist die Abkehr vom Pragmatismus, die Abkehr vom Ökosystem Wald, sie ist die Geburtsstunde der allgegenwärtigen Ideologie beim Thema Waldbau und Wildtiere. Und sie ist die alleinige Ursache des vielzitierten Wald-Wild-Konfliktes.

Der Wald-Wild-Konflikt ist von Menschen herbeigeredet worden, also ist er ein Mensch-Mensch-Konflikt. Die Bäume und die Tiere können nichts dafür, dass Menschen sich streiten, weil sie unterschiedliche Nutzungsinteressen haben.

Der Wald-Wild-Konflikt ist inzwischen auch ein Selbstläufer geworden und er wird in schöner Regelmäßigkeit von außen angefeuert. Das geht so weit, dass Nichtjäger am frühen Abend vertraut äsendes Rotwild sehen, aber, anstatt sich darüber zu freuen, entsetzt die Jäger alarmieren. Um Gottes Willen, wir haben ein Stück Wild gesehen! Als sein die Cholera ausgebrochen.

Zu allem Überfluss wird der Konflikt auch von manchen Jägern angefeuert. Völlig überhöhte Rotwild-Zahlen an Fütterungen, Unehrlichkeit bei der Bestandsschätzung und bei der Abschuss-Erfüllung, aktives Anlügen der Behörden – das ist erstens sehr dumm, zweitens schürt es unnötig den Wald-Wild-Konflikt an und drittens schadet es unserem Image und damit unserer Jagd. Es ist aber nach wie vor im Ländle verbreitet.

Früher waren Waldbesitzer, Förster und Jäger meist ein und dieselbe Person, jetzt sind das mindestens drei. Drei streiten sich eher als einer, in Jahrzehnten ist der Streit gewachsen, und nun ist zwischen Wald und Wild eine Art Glaubenskrieg ausgebrochen. Ein Glaubenskrieg mit enormer Energieverschwendung. Vereine werden gegründet, Pamphlete werden gedruckt, Exkursionen werden veranstaltet, Behörden werden belastet, Widersprüche werden eingelegt und Prozesse werden geführt. Vollkommen unnötig! Würde man die Emotion aus- und die Vernunft einschalten, dann sähe man das Ökosystem Wald mit Bäumen und Tieren, der Wald wäre wirtschaftlich erfolgreich und würde seine Schutz- und sonstigen Funktionen voll erfüllen. Was fehlt, ist der Wille.

Hubertusfeier 2017 Baron von Gemmingen

Ich bin ziemlich sicher, dass wir zur Zeit die höchste Rotwild- und Rehwildpopulation in Europa seit vielen Jahrzehnten haben. Fast überall, auch in Ländern mit ganz unterschiedlichen Jagdsystemen, sind die Bestände jahrelang angestiegen. Die Jäger sind gut beraten, hier keine Freudensprünge zu machen und die Ursachen sind wohl so vielfältig wie die Jagdsysteme und die Strukturen vor Ort. Sicher haben auch unehrliche Jäger einen Anteil an dieser bedenklichen Entwicklung, aber es ist billige Polemik, die ganze Verantwortung den Jägern zuzuschieben. Viele verantwortungsbewusste Jäger sind schon seit Jahren dabei, die Rotwildbestände abzubauen. Dort, wo die Gefahr von TBC besteht, muss selbstverständlich das Rotwild stark bejagt werden, das bestreitet niemand. Aber Achtung: Wir haben auf unter 10 % der Fläche Vorarlbergs TBC, auf über 90 % tritt sie nicht auf. Auch hier würde also Augenmaß und ein gesunder Hausverstand weiter helfen. Ich plädiere für Ziel-orientierten Pragmatismus – Ideologie hat bekanntlich noch nie ein Problem gelöst.

Per gesetzliche Definition ist hier im Land viel Wald als Schutzwald ausgewiesen, auf vielen Flächen vollkommen zurecht. Wo es Objekte zu schützen gibt, muss der Wald-Schutz konsequent umgesetzt werden, das ist ja ganz klar. Es gibt aber auch viel sog. Schutzwald, wo es gar nichts zu schützen gibt. Ökologisch intakte, aber forstlich unproduktive Flächen – ohne erkennbare Schutzfunktion – außer, man erfindet kreativ eine.

Wir sollten gemeinsam und konstruktiv diese Flächen auf den Prüfstand stellen. Es werden sicher Flächen gefunden, die man sozusagen der natürlichen Entwicklung zurück geben kann. Flächen, wo kein menschlicher Plan in einer genau bestimmten Frist umgesetzt sein muss. Wenn wir unsere Verantwortung für den Lebensraum ernst nehmen wollen, dann müssen wir, dort, wo es geht, die Natur an einer langen Leine laufen lassen. Dort müssen wir dann akzeptieren, dass diese Flächen womöglich vom Gamswild als Winterlebensraum genutzt werden. Dort kann sich die Waldverjüngung durchaus verzögern. Das ist dann aber kein Schaden, sondern das ist eine ganz normale natürliche Entwicklung. Auch das dicht besiedelte Vorarlberg hat Raum für natürliche Entwicklungen. Nur – die Menschen müssen es wollen.

Der Wald-Wild-Konflikt zeigt uns ein von Menschen gemachtes Ungleichgewicht. Das Vorarlberger Jagdgesetz, das die Jagd und den jagdlichen Umgang mit Wildtieren allumfassend regeln soll, ist eigentlich eher ein Wald-Schutz-Gesetz. Zusammen mit dem Forstgesetz gibt es also zwei Waldschutzgesetze im Land. Das ist ein Ungleichgewicht, es widerspricht der Natur. Die Natur ist auf Gleichgewicht, auf Ausgleich bedacht. Einseitigkeit ist unnatürlich. Beim Thema Forst und Wild sollten wir uns an der Natur orientieren. Lang anhaltendes Handeln gegen die Natur hat den Menschen noch nie gut getan. Eine intakte Natur ist die Basis für eine intakte Zukunft der Menschen. Im Sinne der Verantwortung für unsere Zukunft fordere ich deshalb die Politik auf, das Jagdgesetz zu novellieren und dieses massive Ungleichgewicht zu eliminieren. Selbstverständlich wollen wir den Wald schützen, aber der Schutz des Lebensraumes und intakter Wildtierpopulationen gehört unbedingt in ein neues Jagdgesetz. Man würde uns später zurecht Vorwürfe machen, wenn wir bei der Abschaffung von Mozart tatenlos zugeschaut hätten.

Dabei sollte man das Forstgesetz auch gleich überarbeiten. Denn wir brauchen ganz einfach weniger Perfektionismus in der Forstwirtschaft. Die ständig steigende Waldfläche sollte uns Sorgen machen. Wir brauchen nicht immer und sofort und überall alle Baumarten. Weniger menschliche Planung – mehr Natur – und mehr Geduld im Wald! Und wir brauchen im wahrsten Sinne des Wortes Mut zur Lücke. Es muss auch Freiflächen geben dürfen. Auch eine Rüfe, auch Erosion ist Natur und trägt zur Artenvielfalt bei. Der Biologe freut sich darüber, der Förster ist entsetzt. Eigentlich sollten die beiden an einem Strang ziehen. Es wird Zeit, Ideologie, Verbissenheit und Polemik über Bord zu werfen, um mit Vernunft, Augenmaß, und einem gesunden Hausverstand gemeinsam Lösungen zu suchen.

In verschiedenen Bezirken, Ämtern und Behörden ist jetzt gerade vieles neu organisiert worden. Neue Menschen sitzen an verantwortungsvollen Plätzen. Damit stehen wir jetzt an einem Scheideweg. Die kommenden Monaten und Jahre werden zeigen, in welche Richtung die Reise geht. Jede Änderung ist auch immer eine Chance. Die Jägerschaft reicht allen Betroffenen die Hand. Arbeiten wir zusammen, schicken wir die Ideologie und das gegenseitige Misstrauen in die Wüste. Begraben wir den Glaubenskrieg. Mit einer Portion guten Willens können wir gemeinsam die Herausforderungen konstruktiv und zum Wohle aller meistern. Jetzt ist die Chance da. Nutzen wir sie! Ich bin ein Liebhaber von Musik und ein großer Fan von Mozart – seien Sie es auch!!!

Weidmannsheil!

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