•  
  •  

40 Jahre Luchs in der Schweiz!

Autoren: Urs Breitenmoser und Christine Breitenmoser-Würsten

“Im April jährt sich die erste Freilassung von Luchsen in der Schweiz zum 40. Mal. Am 23. April 1971 ist im eidgenössischen Jagdbanngebiet Hutstock im Melchtal OW ein Paar Luchse aus den slowakischen Karpaten freigelassen worden. Die gemeinsame Aktion des Eidgenössischen Oberforstinspektorats – wie die zuständige Bundesbehörde damals noch hiess – und des Forstamts Obwalden leitete die Wiederansiedlung dieser größsten europäischen Wildkatze nicht nur in der Schweiz, sondern in mehreren Ländern West- und Mitteleuropas ein.

In den nachfolgenden Jahren wurden in mehreren Regionen der Schweiz Luchse freigelassen. Nicht alle Aussetzungen führten zu einer Bestandsgründung, aber in den Alpen zwischen Vierwaldstätter und Genfer See und im Jura entstanden zwei Populationen. Weitere erfolgreiche Wiederansiedlungen mit Verbindung zum Alpenbogen folgten am Nordende des Dinarischen Gebirges, im heutigen Slowenien und im Bayerisch-Böhmischen Wald. Diese vier Luchsvorkommen gelten heute als gelungene Wiederansiedlungen, während das Schicksal anderer, kleinerer oder erst unlängst gegründeter Populationen noch in den Sternen steht.

Die Aussetzung vor 40 Jahren war eine Pioniertat. Alfred Kuster (1902–1967), der als Eidgenössischer Jagdinspektor die bundesrätliche Bewilligung zur Wiederansiedlung des Luchses bewirkte, und Leo Lienert (1921–2007), der als Oberförster des Kantons Obwalden die ersten Freilassungen durchführte, teilten eine visionäre Vorstellung von Naturschutz. Sie waren der Meinung, dass ein gesunder Wald nicht nur Huftiere, sondern auch die entsprechenden Raubtiere braucht. Die Auffassung, dass Raubtiere eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen, war damals selbst unter Biologen nicht unbestritten. Aber unterdessen ist die Einsicht, dass zu einem intakten Ökosystem nicht nur eine vollständige Artenliste gehört, sondern dass wir auch die Interaktionen zwischen diesen Arten und ihren Genpool – das „evolutive Potenzial“ – erhalten müssen, zur zentralen Forderung der weltweiten Konvention zum Schutz der Biodiversität geworden.

Vor 40 Jahren wurden vor allem zwei Befürchtungen geäussert, nämlich dass der Luchs im dichten besiedelten Westeuropa keinen Lebensraum mehr finden würde oder dass die grosse Raubkatze ihre Beutetiere ausrotten würde. Den ersten Punkt haben die Luchse selbst widerlegt; sie finden sich in einer vom Mensch dominierten Welt bestens zurecht. Der zweite Punkt bleibt bis heute ein Stein des Anstosses. Heute ist klar, dass die Anwesenheit des Luchses nicht das Ende aller Rehe und Gemsen bedeutet, aber wir haben auch beobachtet, dass die Prädation durch den Luchs lokal sehr wohl eine deutliche Senkung der Beutetierbestände bewirken kann. Die Jäger, die ihren Jagderfolg heute mit dem Luchs teilen müssen, fordern daher zwar nicht mehr die Ausrottung, aber die Regulation des Luchses. Das Konzept Luchs Schweiz (www.bafu.admin.ch) sieht die Möglichkeit eines solchen Eingriffs auch vor. Dieser Punkt ist formaljuristisch umstritten, soll nun aber durch eine Anpassung der eidgenössischen Jagdverordnung klar gestellt werden. „Eingriffe“ sollen in Form von Umsiedlungen oder wenn die Platzierung von Luchsen nicht mehr möglich ist durch Abschüsse erfolgen. Es versteht sich von selbst, dass beide Möglichkeiten sowohl Gegner als auch Befürworter haben. Tatsächlich könnten die zwei Massnahmen gemeinsam Teil eines sinnvollen Ziels sein: Eine grosse räumliche Ausdehnung der Population mit regulierende Massnahmen, die lokal zu hohe Dichten verhindern.

Die Pioniere der Wiederansiedlung vor 40 Jahren sind heute alle tot. Sie haben uns ein wertvolles, aber nicht gerade einfach zu verwaltendes Erbe hinterlassen. Die Wiederansiedlungen von damals waren unkoordinierte Einzelaktionen, die wir nun zu einem sinnvollen Ganzen zusammenbauen müssen. Aus moderner Sicht wirkt die Bewilligung des Bundesrats von 1967, mit „ein bis zwei Pärchen gesunder, zuchtfähiger Luchse“ eine Population aufzubauen geradezu naiv. Wir wissen heute, dass Wiederansiedlungen mehr braucht als gesetzlichen Schutz und ein paar heimlich ausgesetzte Tiere.  Wir müssen genetische Überlegungen berücksichtigen – wie gross muss die Gruppe der Gründer sein, um langfristig negative Folgen der Inzucht zu vermeiden? –, die Betroffenen einbeziehen, und vor allem braucht eine lebensfähige Luchspopulationen sehr viel Raum. Bei solchen Arten können wir nicht in den Dimensionen von Bann- oder Schutzgebieten oder von einzelnen Kantonen denken, sondern in Grössenordnungen von Gebirgsmassiven wie den Alpen oder dem Jura. Nur durch weitere Um- und Wiederansiedlungen wird es möglich sein, die heute bestehenden isolierten Populationen miteinander zu verbinden und eine lebensfähige grosse Population zum Beispiel im Alpenbogen zu schaffen, die es dann auch erträgt, dass lokal oder regional die Dichte begrenzt wird, so dass das Nebeneinander von menschlichem und tierischem Jäger ohne grössere Konflikte möglich wird. Naturschutz und nachhaltiger Nutzung sind keine Gegensätze, aber es bedarf eines Kompromisses und eines Konsenses. Hier könnte die Schweiz mit ihrer Tradition wieder einmal ein Vorbild sein – aber bei Grossraubtieren muss der Konsens über die Grenzen des Landes hinaus gefunden werden. Die Schweiz, die die einzige vitale Luchspopulation in den Alpen beherbergt, hat dafür eine besondere Verantwortung.”

Lesen Sie mehr dazu HIER

Schreibe einen Kommentar